Pierogi, Perspektiven und polnische Gastfreundschaft


von unserer Autorin
Anna-Maria Kiemen

Logbuch Tag 1: Mit 17 Koffern Richtung Osten

Seit Mitte März traf sich am Göttenbach-Gymnasium eine illustre Runde an so manchem Donnerstagnachmittag, um nicht nur Kekse zu futtern, sondern auch inhaltlich einen Besuch in Polen vorzubereiten. Dabei entstanden nicht nur intensive Gespräche über den Nationalsozialismus und die Lehren, die wir heute aus unserer Geschichte ziehen müssen, sondern auch äußerst kurzweilige Vorstellungsvideos unserer Heimat, unserer Schule und uns selbst. Man kann sagen: wir waren voller Vorfreude auf die polnischen Schüler*innen und heiß darauf, uns möglichst gut zu präsentieren. Und so machten wir uns mit dieser Vorfreude und den Videos im Gepäck an einem sehr frühen Pfingstmorgen auf den gemeinsamen Weg in Richtung Osten. Einige schliefen die vorangegangene Nacht vor Aufregung so wenig, dass dieser Schlaf während unserer 15-stündigen Zugfahrt (inklusive Gesprächen über unsere Lieblingsgemüsesorten) nachgeholt werden musste.

Als wir dann nach drei gelungen Umstiegen in Frankfurt, Berlin und Katowice und mit nur 20 Minuten Verspätung in Rybnik ankamen (Wahnsinn, was die Deutsche Bahn alles kann!), schleppten wir uns sehr erschöpft durch die dunklen Gassen. Vorbei an den ersten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wir in den darauffolgenden Tagen erkunden würden, zogen wir unsere 17 Koffer lautstark über die Piazza del Rybnik – und sorgten für irritierte Blicke. Schließlich erreichten wir aber unser Hotel, wo uns unser Gastgeber Pawel bereits erwartete und uns eine wohlverdiente Bettruhe wünschte.


Logbuch Tag 2: Erste Begegnungen, erste Freundschaften

Die erste Nacht schliefen wir wohl alle besonders gut, mussten aber morgens alle die weichen Betten wieder verlassen. Der Anblick unseres Frühstücks ließ diesen Schmerz jedoch schnell vergessen. „Oh sorry I am not ready, I think I’m too late”, sagte uns Mihal, der Küchenchef. “No worries, we are just a bit early!”, war unsere Antwort. Wie sehr diese Interaktion unsere Erfahrung in Rybnik zusammenfassen sollte, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst…

Gut gestärkt verließen wir dann das Hotel und machten uns zum ersten Mal auf den Weg durch die Innenstadt und die Fußgängergässchen, vorbei an der berühmten Basilika zu unserer Partnerschule, dem II Liceum Ogólnokształcące im. Andrzeja Frycza Modrzewskiego – oder kurz: dem Liceum. Unsere polnischen Kolleg*innen und die Schüler*innen warteten bereits auf uns in der Aula. Da sich die Schüler*innen noch gar nicht kannten und auch wir Kolleg*innen bisher nur online das Vergnügen miteinander hatten, starteten wir mit einem Speeddating, bei dem sich alle kennenlernen konnten. Die Gespräche fanden gar kein Ende und die Aula wurde schnell mit interessierten Fragen und dem ersten gemeinsamen Lachen gefüllt. Also: gut angekommen, Stimmung gelöst, alle entspannt.

Zunächst beschäftigen wir uns mit Stereotypen gegenüber einander: der Pole, der Autos klaut, Alkohol trinkt und sich die schöne Landschaft anschaut, der Deutsche, der Socken in Sandalen trägt, Bratwurst isst und Hustenbonbons lutscht (Spoiler: Am Ende der Woche sollte sich herausstellen, dass dem gar nicht so ist). Nun musste die Sache auch thematisch angepackt werden: So wurde das gemeinsame Lernprodukt vorgestellt. Am Ende der Woche wollten wir einen Dokumentarfilm erstellt haben, der unter unserem Motto „Remembering the past together, Shaping the future together” steht. Dazu teilten sich die Schüler*innen in sieben Gruppen ein, die alle aus deutschen und polnischen Jugendlichen bestanden, welche sich jeweils mit einem Aspekt unserer Fahrt beschäftigen sollten, diesen dokumentieren und im Anschluss als Videobeitrag zusammenschneiden sollten. Das klang erstmal nach ganz schön viel Arbeit, aber davon ließ sich niemand abschrecken. Ruckzuck waren sieben Gruppen gebildet und die Basis für unsere Zusammenarbeit gelegt. Die erste Gruppe war auch schon gleich dran: Nachdem uns von Schüler*innen das Liceum gezeigt wurde und wir zu dem Entschluss kamen, dass es „irgendwie ganz anders“ aber „irgendwie auch sehr ähnlich zum Göttenbach“ ist, bekamen wir Besuch von Marek Krząkała. Er war als Mitglied des Sejm, also des polnischen Parlaments, sowie als stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für deutsch-polnische Beziehungen der Europäischen Union ein ganz besonderer Gast für uns – vor allem als er die gesamte Diskussion selbst übersetzte. Zunächst gab er uns einen Einblick in seine täglichen Arbeiten und seine persönlichen Ansichten zur deutsch-polnischen Beziehung. Erst für uns auf Deutsch, dann sofort anschließend auf Polnisch für die polnischen Schüler*innen. Dabei blieb er jedoch recht allgemein, sodass wir mit einigen Nachfragen – etwa zur Einführung des Euro in Polen oder der Bedeutung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für die deutsch-polnische Freundschaft – noch einmal nachhaken konnten. So blieben Aussagen wie „Jede Generation hat ihre eigenen Hausaufgaben zu erledigen.“ oder „Wir leben in einer Zeit, in der der Populismus beliebter ist als der Verstand.“ in unserem Gedächtnis prägnant hängen und ermöglichten uns über die nächsten Tage wichtige Reflexion.

Die Kolleg*innen gaben sich alle Mühe, uns gebührend am ersten Tag am Liceum zu versorgen. Beim anschließenden Plausch gab es traditionell polnischen Kuchen mit Rosinen und Mohn, der uns allen sehr gut schmeckte. So konnten wir gut gestärkt in den Nachmittag starten und erst einmal die Stadt auf eigene Faust erkunden: wir besuchten die Basilika, liefen durch die romantischen Gässchen und verweilten auf der großen Piazza in der herrlichen Frühsommer-Sonne.

Vor allem eine Aussage von Herrn Krząkała würde uns aber die gesamte Woche noch in den Köpfen schweben: „Geschichte ist wichtig, damit sie sich nicht wiederholt, aber wir müssen auf die Zukunft schauen.“


Logbuch Tag 3: Ein Ort, der sprachlos macht

Unser Dienstag startete etwas früher als der reguläre Schultag in Polen: So trafen wir uns um 07:40 Uhr vor dem Hotel zum Abmarsch in Richtung Schule (eine Schülerin, die bereits sonntags und montags etwas später an war als alle anderen, durfte bereits 07:35 Uhr erscheinen). Im Schatten zwischen Basilika und Schule warteten wir dann auf unseren Bus, der uns zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bringen sollte – und warteten, und warteten („Sorry I am not ready, I think I’m too late“ - “No worries, we are just a bit early!” oder wie einer der Schüler sagte: „Wir haben ja schon gesehen, dass unsere Puffer durchaus nötig sind.“). Schließlich brachen wir dann gegen 09:30 Uhr gemeinsam mit den polnischen Schüler*innen und einer Kollegin auf.

Die Fahrt nach Auschwitz war bereits eher ruhig. Ob es an der Müdigkeit lag oder am Bewusstsein für den Ort, den wir gleich das erste Mal mit eigenen Augen sehen würden? Vor Ort wurden wir uns erst einmal nicht der historischen Bedeutsamkeit des Konzentrationslagers, sondern unserer Tätigkeit als Touristen bewusst: Hunderte Engländer und Spanier tummelten sich bereits vor dem Eingang, der Parkplatz voller Reisebusse, das Personal sehr gestresst. Trauer um Millionen Opfer des Nationalsozialismus? Hier (noch) nicht erkennbar. Erst einmal schauen, dass die Gruppe pünktlich, vollständig und mit griffbereitem Ausweis den Treffpunkt findet.

Als dann alle mit Headsets und Funkgeräten ausgestattet waren, konnte unsere Tour starten: der Rundgang durch das Museum begann mit dem Gang durch einen Tunnel, in dem die Namen der Opfer, die in Auschwitz-Birkenau getötet wurden, einzeln verlesen werden. Wie lange diese Aufnahme wohl sein muss? (Nach etwas Recherche wissen wir: knapp 2 Monate. 55 Tage, 13 Stunden, 46 Minuten und 40 Sekunden. Nur Namen. Keine Pausen.) Und zack sind wir mittendrin. In der stillen Anteilnahme um so viele unschuldige Leben. Mit dieser Schwere auf der Brust ging es dann zwar aus dem Tunnel raus aber in die Baracken hinein. In den einzelnen Blöcken konnten wir die Ausstellung sehen, die heute zentraler Bestandteil des Erinnerns im Vernichtungslager ist. Wir sahen eine nicht greifbare Anzahl an persönlichen Gegenständen, die den Inhaftierten abgenommen wurde. Nicht nur ihre Besitztümer wie Schuhe und Koffer, sondern auch ein riesiger Berg an medizinischen Hilfsmitteln wie Prothesen, aber vor allem die abgeschnittenen Haare verdeutlichten uns allen, wie sehr die Nazis ihre Opfer verabscheuten.

Die Nazis legten an diesem Ort die Dehumanisierung ihrer Opfer in den Fokus. Heute hat sich dieses Blatt gewendet: besonders die persönlichen Akten, Zeugnisse und Gegenstände der Menschen werden neben ihrem Leiden in der Ausstellung hervorgehoben. So versucht die Gedenkstätte ihnen wieder ein Gesicht zu geben und die unfassbar große Opferzahl nicht nur messbar, sondern auch die Einzelschicksale dahinter erfahrbar zu machen.

Als wir am Ende der Ausstellung ankommen und wir die Headsets abgeben sollten, meinte eine Schülerin: „Endlich können wir das ausziehen. Diese engen Kopfhörer haben irgendwie das beklemmende Gefühl die ganze Zeit nur noch schlimmer gemacht.“ Eine Symbolik, die die Ausstellungsmacher so bestimmt nicht bedacht haben, aber in der doch so viel Wahrheit steckt. Schließlich ließ uns unser Guide wissen: „Please make sure to bring enough water and hats to Birkenau.” – aha, ein organisatorischer Hinweis – „There is no shade in Birkenau.“

Am zweiten Standort angekommen erschlug uns die schiere Größe. So weit das Auge reicht: Konzentrationslager. Wir schauten gerade aus: KZ. Wir schauten nach rechts: KZ. Wir schauten nach links: KZ. Die Schienen, die nach Birkenau führen, wirkten so alltäglich und harmlos, waren jedoch bedeutsamer Bestandteil der nahezu industriellen Ermordung von Millionen Menschen. Und so war selbst das bloße Überschreiten dieser Gleise für uns mit sehr viel Demut verbunden. Wir überquerten das riesige Gelände in kleineren Abschnitten. Immer wieder stoppten wir, um die Geschichte einzelner Menschen zu erfahren, die hier auf grausame Arten zu Tode kamen.

Schließlich endete unsere Tour nicht an den von den Nazis zerstörten Gaskammern oder an dem Mahnmal, welches auf 23 Sprachen übersetzt wurde (jede, die die Opfer der NS-Diktatur sprachen), sondern an dem Ort, der der Alltag der Menschen war: die spärlichen, schrecklich engen Baracken, die nichts weiter als einzelne Bretter zum Schlafen beinhalten (In einer Baracke mussten so viele Menschen wie die gesamte Schülerschaft des Göttenbach miteinander leben). Mit einem bedrückenden Gefühl verließen wir auch den zweiten Standort der Gedenkstätte.

Nicht jedoch ohne unsere erste Beobachtung in Auschwitz auch hier in Birkenau wiederzufinden: Tourismus. Ein Pärchen turnte auf den von uns mit so viel Demut überschrittenen Gleisen herum. Posierte darauf vor dem geschichtsträchtigen Tor für Fotos. Erst einzeln, dann küssend gemeinsam. Ein Beitrag zu ihrem Fotoalbum oder ihrem Instagram-Feed. Wir alle waren in völligem Unverständnis über dieses Verhalten und tauschten uns auf dem Weg zum Souvenirshop darüber aus. Auch darüber, dass die Reaktion der polnischen Schüler*innen so unterschiedlich zu sein scheint.

Schon im Bus tauschten wir uns dann im kleineren Kreis über unsere Beobachtungen und Emotionen aus. Manche starrten auch einfach in die polnische Landschaft. Jede*r eben so, wie man es brauchte und es sich richtig anfühlte. Den restlichen Nachmittag verbrachten dann viele in Kleingruppen draußen in der Sonne. Andere zogen sich aufs Zimmer zurück. Der Tag erschlug uns förmlich und es gab Vieles, worüber wir nachdenklich wurden.


Logbuch Tag 4:  Geschichte verstehen – Zukunft gestalten

Wir starteten immer noch nachdenklich, aber mit einem Blick in Richtung Zukunft in den Mittwoch. Um die Vergangenheit nicht im luftleeren Raum stehen zu lassen und den negativen Gefühlen des Vortags nicht zu viel Kraft zu verleihen, sammelten wir zunächst unsere persönlichen Eindrücke im Plenum. Vor allem die Geschichte eines jungen Mannes blieb unseren Schüler*innen im Gedächtnis und beschäftigte sie: Er kam gemeinsam mit seiner Mutter und Schwester in Birkenau an, doch seine Mutter schob ihn von sich weg, um sie nicht als Familie erkennbar zu machen und so seine Überlebenschancen zu erhöhen. Doch er verstand nicht, wurde wütend und sagte „Ich wünschte du wärst tot.“ (ein Satz, der wütenden Teenagern bestimmt allzu leicht über die Lippen geht). Seine Mutter und Schwester überlebten nicht. Der junge Mann schon. Außerdem machte sich Dankbarkeit breit: „Wir sind über dieses riesige Gelände gelaufen und ich dachte nur, wie mir die Füße wehtun. Aber dann wurde mir auch bewusst, wie klein dieses Problem und meine Probleme insgesamt eigentlich sind.“

Um nun aber nicht in der Vergangenheit und dem Erinnern stehen zu bleiben, sondern gemeinsam voran zu gehen, befassten wir uns in einem Geschichts-Workshop mit den Reaktionen der polnischen sowie deutschen Regierungen und Bevölkerungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. So analysierten wir den Versöhnungsbrief polnischer Bischöfe aus dem Jahr 1965, der in der Freundschaft der beiden Länder eine wichtige Funktion einnimmt: den ersten Schritt aufeinander zu. In den Jahren unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs standen die polnische Bevölkerung und die deutsche Gesellschaft vor unterschiedlichen Herausforderungen: Während auf polnischer Seite der Umgang mit den erfahrenen deutschen Verbrechen und deren Folgen im Vordergrund stand, waren Deutschland und seine Bevölkerung mit der Aufarbeitung der Schuld sowie mit Entschuldigungs- und Wiedergutmachungsbemühungen befasst. Der Brief der polnischen Bischöfe thematisiert nun beides. So ist zwar von einer „schrecklich dunklen Nacht“ des Nationalsozialismus die Rede, die die Kälte und scheinbare Ausweglosigkeit symbolisiert, aber auch das gemeinsame aufeinander Zugehen und „die Hände nacheinander ausstrecken“ wird angesprochen.

Die Schüler*innen schlussfolgern: Heute liegt die gemeinsame Aufgabe beider Nationen darin, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten, an diese zu erinnern, um auch als Mahnung wirken zu können. Sowohl Polen als auch Deutschland kommt daher vor allem im gesamteuropäischen Kampf gegen den Rechtspopulismus eine besondere Verantwortung in Bezug auf die Erinnerungskultur zu. Der Vergangenheit muss nicht nur gedacht werden, sondern die einzelnen Schicksale der Opfer sollen geehrt werden, damit beide Völker den daraus resultierenden gegenseitigen Respekt als Basis für eine gemeinsame Zukunft nutzen können.

Dieses gemeinsame aufeinander Zugehen durften wir dann noch ganz wörtlich erfahren: Wir machten uns nach der Mittagspause auf den Weg ins Rathaus, wo wir im prunkvollen Plenarsaal des Bürgermeisters Piotr Kuczera begrüßt wurden. Nicht nur durften wir an seiner reich gedeckten Tafel Platz nehmen, sondern uns wurden auch das Besprechungszimmer und sein persönliches Büro gezeigt. Ganz nebenbei wurde einer unserer Schüler sogar auf den Bürgermeisterstuhl gebeten und wurde mit seiner eigenen deutsch-polnischen Herkunft zu einem starken Symbol für die Kooperation beider Länder. Herr Kuczera ist seit 2014 im Amt und konnte uns (als ehemaliger Deutschlehrer) ebenfalls auf Deutsch seine tägliche Arbeit erklären. So erfuhren wir viel über die Vergangenheit der Stadt Rybnik, auch unter preußischer Besatzung und während der Industrialisierung, und wurden zweier Figuren bewusst: gleich vor dem Rathaus steht eine Statue, die den ersten Bürgermeister der Stadt Wlodoslaw Weber in der Bewegung eines Schrittes zeigt. Eine ähnliche Statue des deutschen Bürgermeisters Otto Günter stand gleich vor unserem Hotel. Würden beide tatsächlich losgehen, träfen sie sich auf dem Marktplatz und würden sich dort die Hände reichen. Ganz wie von den polnischen Bischöfen 1965 gewünscht.

Dieser Besuch stimmte uns nun sehr positiv: Nicht nur, wie staatsmännisch wir empfangen wurden, sondern vor allem die positive Einstellung Herrn Kuczeras gegenüber Deutschland und der gemeinsamen Zukunft gegenüber, gab uns einen Motivationsschub. Diesen nahmen wir wiederum mit in unsere Planungsphase am Nachmittag, in der die einzelnen Videobeiträge für unseren Dokumentarfilm skizziert werden sollten. So wurde geplant, welcher Videoclip wann gezeigt werden soll, welche Musik man in den Hintergrund legen möchte, ob es überhaupt Musik im Beitrag geben soll, ob man ein Voice-Over über die Videos legt, was dabei genau erklärt werden soll, wie man den eigenen Teil des Projekts reflektieren kann und welche Mitschüler*innen noch mit welchen Fragen interviewt werden könnten. 


Logbuch Tag 5: Rybnik erzählt seine Geschichte

Am fünften Projekttag durften wir an einen ganz besonderen Programmpunkt erleben: einen interkulturellen Stadtrundgang mit historischem Schwerpunkt erteilt durch einen lokalen Fachkollegen. Naja also kurzum: wir spazierten bei wohltuendem Sonnenschein ein wenig durch die Stadt und unser Kollege zeigte und erklärte der Gruppe einige Standorte. Dabei erhielten wir interessante Einblicke in die Geschichte und Kultur der Stadt.

Zu den Stationen gehörten die Basilika von Rybnik, das Stadion MOSiR Rybnik sowie mehrere historische Denkmäler. Besonders eindrucksvoll war der Besuch des Denkmals „Ofiarom Oświęcimia“, welches an die Opfer des Todesmarsches aus Auschwitz erinnert. An dieser Stelle wurden die überlebenden Gefangenen von den deutschen Soldaten erschossen, damit diese nicht als Zeugen aussagen konnten. Bis heute hält sich durch damalige Augenzeugen der Mythos der „atmenden Gräber“, da Anwohner sich erzählten, die Gräber würden sich heben und senken, die Deutschen hätten nicht alle erfolgreich getötet.

Auch das ehemalige Krankenhaus, das während der Schlesischen Aufstände eine wichtige Rolle spielte, sowie das Denkmal für die lokalen Helden Walter Larysz und Jan Kotucz verdeutlichten die bewegte Geschichte der Region sowie ihre Verbundenheit mit Deutschland bzw. dessen preußischer Vergangenheit.

Auf dem Friedhof der ältesten Kirche Rybniks konnten wir noch einige deutsche Gräber aus preußischer Zeit entdecken – seltene Zeugnisse einer Vergangenheit, deren Spuren während der kommunistischen Herrschaft häufig entfernt wurden. Zudem besuchten wir das Denkmal des Heiligen Johannes von Nepomuk, das als Symbol der Versöhnung zwischen Polen und Tschechien gilt.

Doch dann ging es zum wichtigsten Punkt unserer Tour: die Lieblingseisdiele unseres polnischen Kollegen, bei der sich alle (sogar noch vor dem Mittagessen) den Bauch mit zwei leckeren Kugeln Eis vollschlagen konnten. Dabei saßen wir in der Sonne und unterhielten uns nochmal über die gezeigten Standorte unserer Tour. Nachdem wir dann einen Abstecher über die Piazza und unser Hotel ging es dann wieder zurück ins Lyceum. Die Stadtführung bot uns wertvolle Einblicke in die Geschichte Rybniks und förderte das Verständnis für die gemeinsame europäische Vergangenheit.

Im Lyceum angekommen erwartete uns, trotz Eis im Bauch, ein reichliches Buffet: Pierogi aller Arten – mit Fleisch, mit Pilzen und Sauerkraut oder auch süß mit Beeren. Die polnische Partnerschule wusste einfach, wie man uns am besten versorgt. Ein Idar-Obersteiner auf Reisen hat schließlich allzeit Appetit. Wir einigten uns später mit einer kurzen Umfrage: Lieblingssorte: Fleisch.

Am Nachmittag arbeiteten wir weiter an unserem gemeinsamen Videoprojekt. Dafür filmten wir zusätzliche Szenen und führten Interviews mit den Teilnehmenden durch. Anschließend sichteten und bearbeiteten wir das entstandene Material, wählten passende Musik aus und integrierten diese in die Videos. Zudem verfassten wir englischsprachige Voice-over-Texte, die später eingesprochen wurden. Durch die Zusammenarbeit in internationalen Teams konnten wir nicht nur unsere Medienkompetenz, sondern auch unsere englischen Sprachkenntnisse und unsere interkulturelle Zusammenarbeit weiterentwickeln. Und ganz nebenbei hatten wir einfach viel Spaß.


Logbuch Tag 6: Aus der Werkstatt wird ein Kinosaal

Der sechste Projekttag stand ganz im Zeichen der Fertigstellung und Präsentation unseres gemeinsamen Videoprojekts. Am Morgen nahmen wir die letzten Feinarbeiten an den Videos vor und bereiteten die Präsentation vor. Eine besondere Herausforderung bestand darin, alle Beiträge der verschiedenen Gruppen zusammenzuführen und über Cloud-Dienste sowie Speichermedien auf ein gemeinsames System zu übertragen. Anschließend wurden die fertigen Videos an die Technik-AG der Schule übergeben.

Kurz vor der Präsentation verwandelte ein Sportkurs des Lyzeums mit beeindruckender Routine die Aula, die in den vergangenen Tagen unsere kreative Werkstatt gewesen war, innerhalb weniger Minuten in einen Kinosaal. Dort präsentierten wir der Schulgemeinschaft unsere Projektergebnisse unter dem Titel „Remembering the Past Together – Shaping the Future Together“.

Die Vorführung wurde von den Zuschauenden sehr positiv aufgenommen. Die Schülerinnen und Schüler erhielten viel Lob und Applaus für ihre Arbeit und konnten mit Stolz auf das gemeinsam Erreichte zurückblicken. Die Präsentation bildete einen gelungenen Abschluss der intensiven Projektarbeit und machte deutlich, wie erfolgreich die internationale Zusammenarbeit verlaufen war.

Am Nachmittag nutzten wir die Zeit, um noch einmal die Stadt Rybnik und das sonnige Wetter ein letztes Mal zu genießen. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit, letzte Besorgungen in Zabka zu erledigen und Proviant für die bevorstehende Rückreise einzukaufen.


Logbuch Tag 7: Vom Diebesfang zur Punktlandung

Am letzten Tag unseres Erasmus-Projekts hieß es früh aufstehen: Bereits um 7:00 Uhr fuhr unser Zug zurück nach Deutschland. Mit Koffern, Rucksäcken und etwas Müdigkeit machten wir uns am frühen Morgen auf den Weg zum Bahnhof und zogen dabei nicht ganz geräuschlos durch die noch ruhigen Straßen von Rybnik.

Wie schon auf der Hinfahrt verliefen die ersten Umstiege reibungslos. Für besondere Aufregung sorgte jedoch eine außergewöhnliche Situation während der Zugfahrt: Unsere Lehrkräfte bemerkten einen Diebstahl auf frischer Tat und so verfolgte eine Lehrkraft den Täter durch unser Zugabteil, stellte ihn schließlich und konnte das Diebesgut der rechtmäßigen Besitzerin zurückbringen. Als sie zu unserer Gruppe zurückkehrte, wurde sie von den Schülerinnen und Schülern mit tosendem Applaus empfangen und erhielt einstimmig den Ehrentitel „Heldin des Tages“.

Auch die weiteren Umstiege verliefen ohne Probleme. Entgegen mancher Erwartungen erreichten wir trotz mehrerer Zugwechsel und der Beteiligung der Deutschen Bahn pünktlich unseren Heimatbahnhof in Idar-Oberstein. Dort wurden wir bereits sehnsüchtig von Eltern und Geschwistern erwartet.

Zum Abschluss der Reise konnten wir uns bei den Eltern bedanken, die uns ihre Kinder für eine Woche anvertraut hatten. Gemeinsam blicken wir auf eine ereignisreiche und bereichernde Zeit zurück, die von neuen Erfahrungen, internationalen Freundschaften und vielen unvergesslichen Momenten geprägt war.