Nach dem Tag der Anreise sowie dem gestrigen Tag des Kennenlernens, nimmt unser Programm seit heute merklich an Fahrt auf. Doch zunächst begrüßt uns Hermannstadt heute mit wesentlich erträglicheren Temperaturen und einem angenehmen Sommertag. Auf dem Weg zum Mietwagen begrüßen mich die gepflegten Bauerngärten im Stadtteil Hammersdorf am Rande der Stadt - noch liegt der Tag damit vor uns.
Nach dem Frühstück brechen wir auf ins Päda. Heute folgte Ion Holban, ein rumänischer Experte für Urwälder unserer Einladung. Ion fesselt uns sogleich mit einem kleinen, sehr lebendigen Vortrag zu den größten zusammenhängenden Urwäldern in Europa, in Rumänien, nicht weit von uns entfernt, die am Samstag unser Exkursionsziel sein werden. Ion kennt die Urwälder Rumäniens wie seine Westentasche - sie sind praktisch sein Arbeitszimmer, denn er beschäftigt sich intensiv mit deren Kartierung und Erfassung. Er und seine Mitstreiter haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Urwälder Rumäniens vor illegalem Raubbau an jahrhundertealten Baumbeständen zu schützen. Doch, so muss er in englischer Sprache konstatieren, "es ist ein Kampf gegen Windmühlen, bei dem man mit Enttäuschungen leben muss". Zu groß war bis zuletzt die Macht der Holzlobby, zu hoch der ökonomische Druck, der auf dem Wald als Wirtschaftsgut liegt.
Ion blickt in sprachlose Gesichter, als er Bilder von sog. "Clearcuts", also Kahlschlägen ganzer Landstriche zeigt. Die Schülerinnen und Schüler löchern den "Mann des Waldes" mit allerlei Fragen. Ob es denn keine Handhabe gegen die illegalen Abholzung gäbe, will eine der rumänischen Schülerinnen wissen. Doch Ion Holban zuckt mit den Schultern, denn die Antwort darauf ist kompliziert. In Rumänien sind nur 50 Prozent des Waldes sog. Staatswald. Dort darf nur mit offizieller Genehmigung und unter Nachhaltigkeitsauflagen Holz eingeschlagen werden. Doch die anderen 50 Prozent teilen sich zu 30 Prozent die rumänischen Gemeinden sowie 20 Prozent private Holzbesitzer. Und gerade in den privaten Holzbeständen regiert mehr oder weniger Geld und Willkür. Dass in den Gemeindewäldern (der rumänische Begriffe dafür lautet etwas anders) dann auch Korruption und Vetternwirtschaft zum Tragen kommt, ist zusätzlich ungünstig für mehr politisches Durchsetzungsvermögen von Verordnungen.
"Ist ihr Beruf dann nicht sehr frustrierend, wenn man trotz aller Bemühungen solche Kahlschläge immer und immer wieder sehen muss?", will ich selbst dann von ihm wissen. "Doch, durchaus, aber man lebt dann umso mehr von den kleinen Erfolgen", erklärt Holban und berichtet von seinem ganz persönlichen Highlight ganz in der Nähe im Fagarasan-Gebirge. Dort hat es eine kleine Gemeinde geschafft ein Stück unberührten Urwald bis heute erfolgreich vor menschlichen Eingriffen zu schützen - 1000 Hektar misst dieses Waldstück, "das malerischer kaum liegen könnte", so Holban weiter. Denn: Auch der Tourismus setzt den Wald mehr und mehr unter Erschließungsdruck.
Ion Holban stellt sich motiviert und geduldig vielen weiteren Fragen aus dem deutsch-rumänischen Auditorium. Er könnte Stunden und Tage erzählen. Seine Bild- und Filmmaterialien füllen bereits Festplatten. Doch nach zweieinhalb Stunden muss Ion Holban weiter, die Arbeit ruft, denn seine Bemühungen tragen immer mehr Früchte und werden auch politisch immer hör- und wahrnehmbarer zu einem Thema. Wir drücken ihm für seine Arbeit weiterhin die Daumen, während wir uns an unsere Ideen heranwagen.
Unsere Exkursionen am Freitag und Samstag sollen nämlich bleibende Ergebnisse erzielen. Die vergessenen Braunbären der Karpaten werden uns am Freitag beschäftigen, bevor wir am Samstag eine exklusive Führung durch einen der bedeutendsten Urwälder Rumäniens erhalten, der sogar zum UNESCO Schutzgebiet erklärt wurde. Wir wollen unser Wissen danach weitertragen, aufklären und sensibilisieren. Über das "Wie und Was" ließen wir die gemischten Arbeitsgruppen brüten, während wir ein paar Impulse setzten.
Den Fleiß der Schüler belohnen wir am Nachmittag mit etwas Freizeit und einem Ausflug an die Salzseen von Ocna Sibiului (zu deutsch: Salzburg), die unseren Göttenbachern schlicht den Atem verschlagen. Den Salzgehalt in der Luft schmecken wir schon bei der Ankunft auf den Lippen. Also hüpfen wir in die Badehosen und tauchen sanft ein in das extrem salzhaltige Wasser der kleinen Seen, die mit über 35 - 45g/l Salzgehalt mehr Auftrieb verleihen als das Tote Meer. Bei 40°C Wassertemperatur lassen wir zum Tagesausklang die Seele baumeln und blicken gespannt in Richtung der anstehenden Exkursion.
von unserem Blogger
Frederick Fisher



