Puh, um 5:30 Uhr klingelt mein Wecker - viel zu früh für den langen Abend gestern. Aber: Wir haben heute ein strammes Programm. Nicht mal unbedingt wegen der Programmdichte, sondern allein schon wegen den Strecken die wir abspulen müssen. Zweieinhalb Stunden Fahrt sind es ab Hermannstadt; unser Ziel ist zunächst das Bärenreservat westlich von Rosenau. Zwar bietet diese Strecke schon viele tolle Naturmotive, dass diese jedoch am Nachmittag im Ranking weit nach unten wandern, können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.
Die Anfahrt zum "Libearty Bear Sanctuary" in Zarnesti ist schon ein kleiner Vorgeschmack auf die Routen des Nachmittages: Schotterpiste, Behelfsbrücke und ein steiler Anstieg führen uns zu den vergessenen Bären der Karpaten. Die Geschichten der Bären die wir im Reservat während unserer Führung hören, machen uns fassungslos und wütend zugleich. Sinnbildlich steht im Reservat ein Metallkäfig ausgestellt, aus welchem die Tierschutzorganisation "Million of Friends Association" Braunbären der Karpaten befreien konnte. Würdelos wurden die Tiere bis in die beginnenden 2000er Jahre als Attraktionen bei Restaurants oder Hotels in Rumänien zur Schau gestellt oder an Ketten gehalten, um mit ihnen Geld für geschossene Fotos zu verdienen. Teilweise wurden ihnen die Augen qualvoll erblindet oder man machte sie mit Alkohol "gefügig".
Im Reservat bekommen alle geretteten Bären ein Stück "Freiheit in Gefangenschaft", denn wirklich frei sind die Bären auch dort nicht. "Man kann befreite Bären nicht mehr auswildern, denn sie wären eine Gefahr für sich selbst. Sie sind an Menschen gewöhnt, haben ihre Scheu abgelegt und müssten früher oder später erlegt werden, damit sie auf Futtersuche die Menschen nicht gefährden". Dennoch erkennen wir, dass die Tiere sich hier pudelwohl fühlen, denn sie raufen und schmusen miteinander. Zwar ist das große Gehege mit rund 120 Bären auf 70 Hektar rappelvoll, trotzdem finden die Bären in dem dicht bewaldeten und hügeligen Gebiet immer Rückzugsräume, versichert uns die Mitarbeiterin, die uns auch die Geschichte von Alisa der Braunbärin erzählt, für die die Schüler aus eigenen Stücken am Ende unserer Führung eine einjährige Patenschaft übernehmen. Alisa ist keine rumänische Braunbärin; Alisa wurde aus einem ukrainischen Zirkus gerettet, wo sie gemeinsam mit einem männlichen Braunbären zur Zeugung von Jungtieren im Käfig gehalten wurde. Mittlerweile ist Alisa aus gesundheitlichen Gründen erblindet, aber im Reservat gemeinsam mit ihrem männlichen Pendant aus der Zirkushaltung separiert. "Sie kennen sich seit über 25 Jahren, wir wollten sie nicht einfach trennen", begründet die Touristenführerin die Haltung in einem etwas kleineren Freigehege. Eine Patenschaftsurkunde bezeugt nun die Unterstützung der Tierschutzorganisation.
Nach dem etwas bedrückenden thematischen Einstieg trommelt die Reiseleiterin Schumacher zur Weiterfahrt. Brasov (zu Deutsch: Kronstadt) ist unser nächstes Ziel. Die Altstadt gilt als eine der schönsten des ganzen Landes, was ich anhand unserer Bilder nur bestätigen kann. Malerische Fußgängerzone, mondäne Bars und Kaffees die zum Verweilen einladen und nicht zuletzt vier Kirchen setzen schon die bestimmenden Akzente. Brasov lebt! Das erkennt man am wuseligen Treiben in den Straßen. Auf dem Ratsplatz im Schatten der Biserica Neagră (der Schwarzen Kirche) bereiten sie sich heute auf den Stadtmarathon am Wochenende vor. Wir nehmen aber nach einem kurzen Rundgang Reisaus - viel zu verlockend ist die Umgebung der Karpaten, in die wir uns auf wilden Pfaden stürzen. Auf dem Weg dorthin passieren wir praktisch zufällig das Schloss Bran, welches als Vorlage für Bram Stoker’s Dracula diente. Entsprechend touristisch ist der gesamte Trubel dort. Also ein schnelles Foto, dann sind wir weg.
Was dann folgt, sind zwei Stunden wilder Roadtrip über einen Höhenkamm der Karpaten. Măgura ist unser Ziel, ein idyllisches Bergdorf in Rumänien, das auf rund 1.000 Metern Höhe im Nationalpark Piatra Craiului liegt und nur über unbefestigte Schotterpisten - teilweise entlang eines schmal wirkenden Grates zu erreichen ist. Die unfassbaren Schlaglöcher die unser Exkursions-Vito wegstecken muss, machen die grandiosen Naturkulissen und Panoramen auf die schneebedeckten Karpatenhöhen locker wett. Im Stop-and-Go-Modus stottern wir uns über die Piste. "Halt, Foto!", tönt es aus den hinteren Sitzreihen. Also Schiebetür auf, Handys raus, Foto machen und wieder rein. Die uns entgegenkommenden Rumänen in ihren geländegängigen Fahrzeugen werden sich ihren Teil gedacht haben... . Egal, wir haben die Bilder auf dem Handy und vor allem im Kopf, was Lisa und Mia treffend kurz zusammenfassen: "Das war unfassbar schön und erleben wir so vermutlich nicht wieder".
Die Bus-Crew, die den "Umweg" über Măgura nahm, trudelt am Abend mit etwas Verspätung in unserer Zwischenunterkunft im Dorf mit dem schönen Namen "Vulcan" (zu Deutsch: Wolkendorf) ein und setzt sich mit allen anderen Exkursionsteilnehmern an die Arbeit. Ich staune und bin voll des Lobes, denn nach so einem langen Tag, hätte ich kaum noch die Motivation einen kreativen Gedanken daran zu verlieren, wie wir unsere Erlebnisse für die Nachwelt aufbereiten. Aber die deutsch-rumänischen Arbeitsgruppen denken, diskutieren, basteln, und filmen, bis der Abend am Lagefeuer einen gemütlichen Ausklang findet.
Morgen geht es in den Urwald, mit zwei kundigen Guides. Hoffentlich begegnen uns keine Braunbären, denn wir wollen in die unberührte Flora und Fauna der rumänischen Urwälder eintauchen.
Gute Nacht Welt - ich bin zufrieden geschafft.
von unserem Blogger
Frederick Fisher



