Den heutigen Blog beginne ich im Gestern. Irgendwie passend zu dem, was uns heute im Urwald Rumäniens erwarten wird. Aber eins nach dem anderen. Gestern Abend hatte ich die Motivation der deutsch-rumänischen Erasmus-Gruppe gelobt, die nach einem langen Tag noch an den Lernprodukten arbeitete. Mit der gleichen Motivation wurde (berechtigterweise) bis weit in die rumänische Vollmondnacht hinein auch gefeiert! Am Lagerfeuer kamen nette Gespräche auf und das Kennenlernen soweit vertraut, dass zu später Stunde sogar noch zu gemeinsamen rumänischen Tänzen aufgefordert wurde. Dazu habe ich allerdings kein gutes Bildmaterial und muss an dieser Stelle auf das entstehende Video der Exkursion verweisen... . Der Tribut folgt am Morgen: Müde Gesichter schleppen sich in den Frühstücksaal unserer Zwischenunterkunft, in der mich ab 5:00 Uhr die gefühlte 20 Hähne des Dorfes aus den Fendern werfen.
Nach dem Frühstück geht es zügig weiter: "Gerödelt und gepackt um 9:00 Uhr an den Autos", gibt die Reiseleitung Schumacher das weitere Vorgehen an. Wir wollen heute in einen der bedeutendsten Urwälder Rumäniens (wenn nicht gar Europas), mit einem Mann, der diesen Wald schon mit vielen interessierten Gruppen durchschritten hat. Dietmar Gross stammt aus dem Fogarasch Gebirge und setzt sich seit Jahrzehnten für die Wälder der Region ein, damit diese ökologisch bewirtschaftet werden. Der Siebenbürger Sachse hat in Kronstadt und München Forstwirtschaft studiert und ist später viel in den Wäldern dieser Welt umhergekommen. Wenn er von Kanada spricht, glänzen seine Augen. Von 1993 bis 2007 war er als Forstdirektor im oberfränkischen Lichtenfels (Deutschland) tätig, bevor er dem Ruf der Natur in seiner Heimat folgte. Wir treffen ihn eine knappe Autostunde von Vulcan aus entfernt am Fuße des Strambisoara Tals wo ein Teil unserer Truppe in geländegängige Fahrzeuge umsteigen muss.
Im Urwald angekommen sprüht Dietmar Gross geradezu vor Begeisterung für dieses besondere Waldstück. Wir steigen steil bergauf und klettern über mächtige Totholzstämme, die hier niemand wegräumt. Ab und an versperren uns mannshohe junge Buchen den Weg. "Alles bleibt so, wie es die Natur von alleine vorsieht", erklärt Gross. Er zeigt besondere Pilzarten an den Stämmen und am Totholz, verweist auf neue Baumtriebe in der weichen Matte des unberührten Waldbodens. "Nicht alle werden es schaffen; nur die stärksten kommen durch und recken sich immer weiter in Richtung Licht und Sonne", so der Waldexperte weiter. Praktisch ganz nebenbei hören wir auf Vogelstimmen und erfahren auch etwas über das ökologische Gleichgewicht des Waldes, welches nicht zuletzt durch die natürliche Wildtierpopulation hergestellt wird. Denn in diesem Wald ist das Verhältnis zwischen Wildtieren und Großraubtieren noch intakt. Braunbären, Wölfe und Luchse sorgen dafür, dass die jungen Triebe von Pflanzenfressern nicht im Übermaß zerstört werden und dadurch das neue (Pflanzen-)Leben eine Chance hat. So reguliert sich der Urwald im Fogarasch Gebirge auf natürliche Art und Weise selbst.
Auf die Nachfrage hin, ob uns denn nicht ebenfalls ein Bär gefährlich werden könnte, antwortet Gross ganz routiniert: "Der Bär hat uns schon gehört, als wir unten aus den Autos gestiegen sind. Er geht nicht auf Konfrontation, sie jagen im Verdeckten. Die meisten Zwischenfälle mit den Räubern dieses Waldes geschehen dann, wenn Menschen die Tiere praktisch überraschen, denn dann fühlen sie sich bedroht". Unter anderem deshalb läuft es auf den knapp 400 Hektar dieses geschützten Waldstückes nach Gross' Angaben so, wie es die Natur will und nicht der Mensch. Dennoch erkenne ich: Gross ist kein blinder Idealist, denn der Wald soll und darf grundsätzlich von den Menschen genutzt werden, aber außerhalb der geschützten Urwälder sollte dies nach seinem Denken auf Grundlage einer ökologischen Waldbewirtschaftung geschehen - dafür setzt er sich ein, er klärt auf und unterstützt Waldbewirtschafter sowie Gemeinden dabei es so umzusetzen, dass der Wald als Ökosystem überwiegend erhalten bleibt. Überdies macht sich Gross um den Wald als solches in Rumänien weitaus weniger Sorgen als um den Wald in Deutschland. "Hier in Rumänien wächst der Wald stetig weiter. Die Flächennutzung in Rumänien ist weitaus geringer als die in Deutschland, weshalb in Rumänien praktisch täglich natürliche Waldflächen entstehen und hinzukommen. Die Nationalparkinitiativen in Deutschland seien indes viel jünger als jene des Urwaldschutzes in Rumänien, was uns als Nationalpark Schule des Nationalparks Hunsrück-Hochwald erstaunt aufhorchen lässt. Er könnte Stunden und Stunden weitersprechen, doch aufkommende Sturmböen bereiten ihm Sorgen, sodass wir uns nach drei Stunden auf den Rückweg machen. Wir sind uns einige und haben verstanden, dass der Mensch mehr auf Nachhaltigkeit achten muss, wenn er die Grundlage seines Lebens erhalten möchte; wo Altes weicht entsteht neues Leben.
Auf dem Rückweg nach Sibiu verschlägt es die Dacia-Crew mit "Schumi" am Lenker vom Weg, der durch einen schweren Unfall vollgesperrt ist. Zunächst scheitert ein Ausweich- und Umfahrungsmanöver mitten in der Pampa, bevor sich in Sambata de Sus die Gelegenheit zur Besichtigung des dortigen Klosters ergibt. "So sind die Zufälle auf Exkursion einfach manchmal und sie sind wunderschön", schwärmt Angela Schumacher noch immer von dem ihr längst bekannten Land. Morgen halten wir mal Sonntag, denn den haben wir uns nach den letzten langen und vollen Tagen redlich verdient. Und damit das Frühstück nicht schon mit Arbeit beginnt, hat Leon (Gruß an die Eltern meinerseits) laut eigener Aussage heute zum ersten Mal eine Spülmaschine ausgeräumt ;) - auch das ist Exkursion, Exkursion, Exkursion (!!).
von unserem Blogger
Frederick Fisher



